2. Öffnung für die Gefühle

Genau in dem Moment, wo der Aktionismus eingestellt wird, kommt es zu einer starken emotionalen Reaktion. Bisher hatte der Aktionismus die Illusion aufrechterhalten, man habe eine Lösung für sein Problem, die irgendwann zum Ziel führen würde. Das war natürlich niemals der Fall, aber die Illusion gaukelte es vor. Nun, wo der Aktionismus eingestellt ist, wird man ungeschminkt mit der Situation konfrontiert, ein Problem zu haben, aber keine Lösung dafür. Das heißt, man sieht sich der negativen Entwicklung des Problems schutzlos ausgeliefert. Bei existentiellen Problemen kann das die emotionale Konfrontation mit Bankrott oder Tod sein. Das heißt nicht, dass das Schlimmste nun tatsächlich eintritt, sondern lediglich, dass man sich einer zukünftigen negativen Entwicklung schutzlos ausgeliefert sieht. (Tatsächlich wird die negative Entwicklung mit der Einstellung des Aktionismus gestoppt - siehe Evolutionsprinzip.)

Und nun geht es darum, sich dieser Situation zu öffnen und die Gefühle "hochkommen" zu lassen. Die übliche Reaktion auf negative Gefühle im Zustand der rationalen Isolation ist sofortige Blockade und Unterdrückung (was insofern völliger Blödsinn ist, als die Gefühle der Schlüssel zur Lösung sind). Die Gefühle hochkommen zu lassen ist gleichbedeutend damit, das scheinbar auf einen zukommende Negative auf sich zukommen zu lassen und alle Empfindungen, die damit einhergehen, in sich zuzulassen. Gefühle sind eine Energie, die fließt.

Man muss sich an dieser Stelle zwei Dinge klarmachen:

  1. dass dieses vielleicht etwas selbstquälerisch erscheinende Vorgehen, lediglich eine Konfrontation mit der Realität ist, so wie sie tatsächlich ist, denn man hatte ja nie eine wirkliche Lösung und
  2. begegnet man hier einem Paradoxon: Obwohl es auf emotionaler und rationaler Ebene so scheint, als sei man nun erst recht mit dem Allerschlimmsten konfrontiert, leistet dieser Schritt 2 wichtige Beiträge zur tatsächlichen Lösung des Problems: Es wird die negative Verstärkung des Problems durch den Aktionismus gestoppt und der Erkenntnisprozess ausgelöst.

Was - wenn man mitten drinsteckt - äußerst widersprüchlich und verwirrend erscheint, erklärt sich als ein Wechsel der Bezugssysteme, der aus der rationalen Isolation herausführt:

Normalerweise haben Gefühle wie die hier beschriebenen die Aufgabe, einen Menschen zum Handeln zu bewegen, um sein Problem zu lösen. Genau das tun wir ja aber nicht, weil es sowieso nur wieder in den sinnlosen Aktionismus führen würde, sondern wir halten dem Druck der Gefühle stand, ohne diese allerdings irgendwie zu unterdrücken, zu blockieren oder anderweitig zu beeinflussen. Wir verhalten uns in dem Moment also entgegen dem natürlichen Zweck dieser Gefühle. Es handelt sich um Gefühle, die aus einem Teil der Weltsicht erwachsen, der falsch ist, was bedeutet, dass die Weltsicht in diesem Bereich nicht mit der Realität übereinstimmt. Und während wir diese Gefühle ins Leere laufen lassen, erfolgt eine teilweise Loslösung vom rationalen Bezugssystem und in der dadurch entstehenden Lücke werden die nicht-rationalen Teile der Psyche wieder aktiv. Der starke Fluss der Gefühle reaktiviert die nicht-rationalen Teile der Psyche. Die innere Verbindung zu Realität wird aktiv und es kommt zu Erkenntnis. Allerdings noch nicht unbedingt sofort. Vorher folgt noch ein anderer Schritt:

nächstes Kapitel: Anspannung löst sich auf
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